ripetizioni / corso

disegni in spazio

disegni in spazio I, II, III, 2024-25

Lithografie auf Japanpapierbahnen

Installation für luzide schichten, Walldürn, März 2025

Installation für Kulturcontainer Nachtwandel Mannheim, Oktober 2025

Installation für #zeitgleichzeitzeichen, Mannheim März 2024

ricordi librate

Installation für luzide schichten, Walldürn, März 2025

Lithografien auf Japanpapier, Lithografiesteine

zum werk

Die den Drucken zugrunde liegenden Zeichnungen entstehen intuitiv. Gestik und persönlicher Ausdruck prägen den Stil und ermöglichen die Repräsentation inneren Erlebens. Die Motive bleiben stets verhüllt, verschleiert von einem Nebel, in dem Ortschaften, Landstriche und Wälder auftauchen. Ihre unscharfen Ränder öffnen den Raum für freie Assoziationen. So werden die Zeichnungen Einladungen zu einer Reise ins Ungefähre, in die vage, geheimnisvolle Welt des Zurückliegenden, die - paradoxerweise – voller Spannungen und Kontraste ist. Die Topographie der Zeichnungen stimmt mit derjenigen der Erinnerung überein. Wo manches schlaglichtartig von der Aufmerksamkeit erhellt wird, bleibt anderes vergessen, verzerrt oder verheimlicht. Je nach Blickrichtung gerät das eine oder das andere in den Vordergrund.

Das expressive Zeichnen, die Suche der mit Kreide bewehrten Hand, die sprunghafte und assoziative Erschließung des Bildraumes, ist nur in der lithografischen Drucktechnik zeigbar. Warum dann aber nicht direkt zeichnen? Warum den Mehraufwand des Druckes auf sich nehmen? Die Antwort darauf liegt in einer allen Druckverfahren innewohnenden, jedoch nur selten beachteten Eigenschaft. Die Übertragung der Grafik vom Druckstoff auf den Träger markiert einen wichtigen Übergang, sie löst das Werk aus Raum und Zeit und sogar von der ausführende Person selbst ab. Während die Zeichnung nur individuell hervorgebracht werden kann und dieser Akt an Ort und Zeitpunkt der Realisierung gebunden ist, kann der Druckvorgang an beliebigen Orten und zu allen Zeiten von allen qualifizierten Personen wiederholt werden. Dass dieser Umstand kaum Berücksichtigung findet, hat mehrere Gründe. So lässt der Kunstmarkt eine Wiederholung des Druckes nach Abschluss der Auflage nicht zu. Dann besteht gerade bei der Lithografie eine wirtschaftliche Notwendigkeit den Druckstock von der Zeichnung zu reinigen. Und schließlich verbleiben Reste eines Geniekultes, der nur die Hand des Künstlers oder der Künstlerin dazu in der Lage sieht, den Druck zu beseelen. So bleibt die Druckgrafik in den meisten Fällen bei den Fragen nach Zeitpunkt, Ort und Persönlichkeit stehen, obwohl ihr die qualitative Trennung von Zeichnen und Drucken wesensgemäß ist. Helene Endlich nutzt diese Eigenschaft, um ihre Erinnerungsstücke in die Gleichzeitigkeit der Gegenwart zu transportieren. Hier stehen sie gleichrangig und unabhängig nebeneinander. Damit eröffnen sich weitere künstlerische Möglichkeiten, wie die freie Kombination der Drucke auf den disegni in spazio (raumbilder). Hier wird die Idee der Vielfalt der Perspektiven und Durchsichten aufgenommen. Durch die Loslösung vom zweidimensionalen Blatt wird die Bedeutung der Position des Betrachters im Raum ins Zentrum gerückt. Ein anderer Standpunkt offenbart das Werk in anderer Form. Sehen und Verstehen bleiben damit a priori positionsabhängige, unabgeschlossene Prozesse. Die Raumbilder verweisen auf erkenntnistheoretische Grundprobleme und bieten gleichzeitig einen Ausgangspunkt zu deren Bewältigung.

Das individuelle Ergebnis des Schaffensprozesses, die autobiografische Konklusion der Künstlerin, bleibt einem verborgen. Was hingegen sichtbar wird, ist die Funktion von Erinnerung als positives Inkraftsetzen der Vergangenheit. Damit geht ein uneingeschränktes Anerkennen der eigenen Historizität einher. Wir existieren, im Gegensatz zu den Drucken, gerade nicht unabhängig von Zeit und Ort, sondern sind Teil eines größeren Zusammenhanges, zu dem wir durch das Erinnern Zugang gewinnen. Dabei klingt eine Warnung vor Autosuggestion und Selbststilisierung in den Bildern an. Wir sind, was wir uns erzählen zu sein und dem gegenüber ist Misstrauen angebracht.

Robert Ries, 2025